Im Einklang mit allerfeinsten Nuancierungen
«Einklang» hieß das Motto, unter dem sich das junge Schweizer A-cappella-Ensemble «molto cantabile» aus Luzern erstmals bei den Oraniensteiner Konzerten präsentierte.
Diez. Das Programm des international mit vielen Preisen bedachten Gesangsensembles spannte einen musikalischen Bogen chorischen Singens von der Romantik (Hugo Wolf, 1860 – 1903) über die Zwölftonmusik (Anton Webern, 1883 – 1945) bis in die unmittelbare zeitgenössische Gegenwart (Eric Whitacre, geb. 1970).
Auffallend, wie jung die 22 Sängerinnen und Sänger – wie ebenso ihr Dirigent Andreas Felber – waren, allesamt um die 25 Jahre, und auffallend auch, dass die meisten der dargebotenen Stücke von den Komponisten etwa im gleichen juvenilen Alter in Töne gesetzt wurden, so beispielsweise «Entflieht auf leichten Kähnen» vom 25-jährigen Webern auf ein Gedicht von Stefan George oder, gleich zu Beginn des Abends, die sechs geistlichen Lieder von Hugo Wolf, die dieser im Alter von 21 Jahren in Töne gesetzt hatte.
Entstanden in einer persönlichen Krisenzeit des Komponisten, entnahm Hugo Wolff die Texte den «Geistlichen Gedichten» Joseph von Eichendorffs, wobei er die ausgewählten Poeme mit eigenen Überschriften – Aufblick, Einklang, Resignation, Letzte Bitte, Ergebung, Erhebung – versehen hat, um schon so das musikalisch in Töne gefasste Thema zu verdeutlichen: Die Darstellung des Lebensweges eines schwachen Menschen, der seine Hoffnung in Gott sucht. Den Trost und Halt, den Wolf in den Versen des schlesischen, katholischen Dichters gefunden hat und die in sich selbst schon (sprachliche) Musik sind, setzte er in diffizile, die unterschiedlichen Gemütslagen differenzierende Chorstücke um.
Jugendfrische Stimmen
«Molto cantabile» brachte sie hervorragend und mit allerfeinsten Nuancierungen zu Gehör. Mit leuchtenden, jugendfrischen Stimmen, emotionaler Inbrunst, flexibler Tongebung, variablen Phrasierungen und Sprachverständlichkeit gelang dem Chorensemble eine mustergültige Interpretation dieser tief empfundenen Wolfschen Komposition. Unnachahmlich, wie beispielsweise die Sängerinnen und Sänger in die niedergeschlagene Stimmung der «Resignation» (Nr. 3) hinein eine hoffnungsvolle Sehnsucht aufscheinen ließen.
Sehr ergreifend und expressiv die «Ergebung» (Nr. 5), ein Aufschrei der Seele mit langem Aussingen und Ausklingenlassen der letzten Zeile «Dein Wille, Herr, geschehe». Die Spannung dieses Stückes, die stark auf das Publikum übergriff, löste sich im letzten Satz (Erhebung) vertrauensvoll optimistisch. Kleine musikalische Kostbarkeiten von Anton Webern, sein einziges A-cappella-Chorwerk (Entflieht auf leichten Kähnen op. 2) und der kurze Satz für Streichtrio «Ruhig fließend», dessen feine, poetische Atonalität von Andreas Gabriel (Violine), Deborah Morat (Viola) und Thiemo Schutter (Violoncello) sublim dargeboten wurde, setzten die Zäsur zum ganz der zeitgenössischen Chormusik gewidmeten zweiten Teil, der ausschließlich Kompositionen von Eric Whitacre (geb. 1970) brachte. Gegeben wurden einige der bekanntesten Chorwerke Whitacres, dessen Kompositionen weltweit zu den am häufigsten aufgeführten Werken zeitgenössischer Chormusik gehören, darunter auch die in Oranienstein aufgeführten Stücke. «Her sacred spitit soars» (Ihre heilige Seele erhebt sich) bestach durch süffige Melodien, aus einem Guss gegeben, in «Leonardo dreams of his flying machine» (Leonardo träumt von seiner Flugmaschine») bleibt der stimmlich großartig nachgeahmte Wind, der da Vincis Flugzeug trägt, in Erinnerung.
Der Wolkenbruch
«Cloudburst» (Wolkenbruch), nach einem Gedicht des mexikanischen Schriftstellers Octavio Paz, war die musikalische Umsetzung eines Wolkenbruchs, von «molto cantabile» mit allen stimmlichen Raffinessen gegeben. Am ergreifendsten aber die Klage Davids um seinen toten Sohn Absalom («When David heard»), die unzählige Nuancierungen von Klagerufen brachte.
Hochdiffizil auch die von Piano und Violine begleiteten «Five Hebrew love songs» (Fünf hebräische Liebeslieder) auf Texte von Whitacres Frau Hila Plitman, einer in Jerusalem geborenen Sopranistin. Gerade hier – wie auch während des Abends – zeigte «molto cantabile» eine Gesangskultur, die zum Besten gehört, was heute von Chören dargeboten wird.
Der großartige Konzertabend hätte durchaus mehr Hörer verdient, die Schlosskapelle war nicht wie üblich ausverkauft. Alle, die auf den leer gebliebenen Sitzen hätten Platz nehmen können, haben ein wunderbares, mitreißendes Konzert verpasst, das die enthusiasmierten Zuhörer mit sehr, sehr langem Applaus bedachten, der zwei Zugaben erzwang.












